Himmelfahrtsritt

Mittwoch 15.05.07 (Tag der Anreise):

Prolog:
Eigentlich begann der HiFa-Ritt schon am Sonntag davor. Eva blieb abends beim TV-Zappen im hr3 beim Hessenquiz hängen (4 Halbprominente müssen Fragen zu Hessen beantworten). Und jetzt die Frage: Gesucht wird die regenreichste Region Hessens. Ist es a) die Wasserkuppe, b) Geisenheim, c) Fulda oder d) der Vogelsberg? Die Halbpromis tippten auf a) , aber Ihr ahnt es schon, richtig ist natürlich d) – der Moderator liest von seinem Kärtchen vor:“ im statistischen Mittel der letzten 30 Jahre fielen die meisten Niederschläge in dem kleinen Ort Herchenhain bei Grebenhain.“ Das darf doch wohl nicht wahr sein!!! Genau da soll unser diesjähriger Himmelfahrtsritt stattfinden …

Anreise:
Erwartungsgemäß fängt es mittags an zu regnen. Nach dem Packen und Pferdeverladen sind wir schon naß. Es ist unheimlich viel Verkehr auf den Straßen. Nach Frankfurt geht fast nichts mehr, der Regen nimmt zu. Bei Hanau steht alles, es giesst. Irgendwann erreichen wir den Vogelsberg, es schüttet ohne Ende. Gegen 19.30 Uhr erreichen wir Herchenhain - wir sind die ersten! (Später erfahren wir, dass Udo und Verena fast umgedreht und wieder nach Hause gefahren wären. Nur weil sie auch Martinas Pferd mit im Hänger hatten hielten sie durch.) Werner Bertl hatte schöne Wiesenpaddocks vorbereitet und wir packen unsere Pferde gleich in die neuen Regendecken ein. Schnell flüchten wir ins trockene Häuschen und beziehen unsere Zimmer. Nach und nach kommen die anderen Mitreiter auch an. Sonja hat ein leckeres Abendessen für uns vorbereitet, und während wir gemütlich beisammen sitzen trommelt der Regen unaufhörlich auf das Glasdach des Wintergartens. Heute müssen wir gleich bis Mitternacht durchhalten, denn wir wollen Martina noch zum Geburtstag gratulieren. Prosit!

Eva

Donnerstag 16.05.07 (erster Tag):

Nach einer verregneten, kalten Nacht, holten wir unsere wunderbar trockenen Vierbeiner (jeder hatte eine Regendecke dabei, was sich wirklich bewährte) von der Weide. Wie üblich hatte es mit dem pünktlichen 10 –Uhr- Abritt nicht geklappt, was aber auch keinen störte. Trotz Regen ließen wir uns von der guten Laune unsere Ponys anstecken und los ging es mit Werner unserem Wanderrittführer an der Spitze. Vorbei an zwei mitten im Wald begrabenen Adeligen, stoppten wir an einer historischen Douglasfichte. Ihr Holz wird vor allem im Schiffsbau verwendet, weil es nur sehr wenig Wasser aufnehmen kann. Eine idyllische Teufelsmühle im Fachwerkstil lud uns zu einem Fotoshooting ein, das allerdings gründlich in die Hose ging, weil unsere Isis einfach nicht so wollten, wie wir wollten. So beschlossen wir unseren hippeligen Ponys eine Abkühlung in dem nahegelegenen, reißenden Fluss zu gönnen. An einer seichten Stelle stürzten wir uns in die Fluten. Die mutigen Ponys haben es genossen- wir auch! Während dem ersten Tag stellte sich die Wanderrittroutine noch nicht ganz ein, was wohl auf die fehlenden Leckerlis für uns Reiter ( Hanuta, Holunderschnaps) zurückzuführen war. Begeistert von dem gut gemischten Reittempo und der abwechslungsreichen Landschaft mit viel Laub- und Nadelbäumen, Hochmooren, Vulkanen, endlosen Töltwegen und einer weitreichenden Aussicht, freuten wir uns nach 7 Stunden im Sattel auf das leckere Abendessen von Sonja. Und das Wetter?..................es herrschte bald ein Mangel an Sonnencreme, was unschwer an Rainers Indianerfärbung zu erkennen war. Auch hat uns gefallen, dass wir das Ereignis mal ohne Helmzwang genießen konnten- wir geloben aber Besserung.

Autoren : Babs und Verena

Freitag 17.05.07 (zweiter Tag):

Abenteuerlustiges Erlebnisprotokoll vom 18. Mai 2007

Wie jeden Morgen so erwache ich auch am heutigen Freitag zum ersten Mal vom melodischen Vogelgezwitscher, das durch das gekippte Fenster an meine Ohren dringt. Aber um fünf Uhr ist im weitverwinkelten Hüttenensemble noch alles mucksmäuschenstill. Nach gut zwei Stunden ein zweites Erwachen: mein Zimmerkumpel gehört zur Gruppe der Frühaufsteher, um bereits gegen halb acht eine Runde durch die halboffene Wiesenlandschaft zu drehen, auch wenn es mit 5 Grad Celsius noch recht frisch ist. Ebenso ist Werner bei Zeiten auf den Beinen: jedes seiner elf Isis bekommt auf der Weide für etwa zwanzig Minuten einen Leinensack mit seinen Trageschlaufen „über die Ohren“ gezogen, damit ein jedes seine eigene Kraftfuttermenge (Müsli) verspeisen kann und nichts im hohen Maigras liegen bleibt.

Wandert der Stundenzeiger auf die Neun zu (vor einer halben Sunde bin ich ein drittes Mal erwacht), so füllt sich der Wintergarten unserer Gastgeber allmählich mit einem Dutzend begeisterter Naturburschen (hälftig Männlein/Weiblein), um das üppige Frühstücksgelage irgendwie zu bewältigen: hier fehlt es an nichts, was Sonja so alles auftischt. Eine Spezialität aus dem Hause Eberstadt/Lützelbach: unsere Uli läßt sich Weißbrot mit Joghurt und Wurst (oder erst Wurst und darauf Joghurt?) munden. Im Laufe unserer Bauchpflege trifft Miriam ein - sie reitet sonst bei Eva und Rainer im Odenwald und wird uns auf unserer heutigen Tour auf einem „Vogelsberger Isi“ begleiten. Eigentlich viel zu träge und schon wieder etwas müd’, erheben wir uns: „Horst“ soll uns erwarten, verkündet Werner (unser Rittführer) - wer oder was ist das wohl?

Als es zur zehnten Stunde schlägt (der zuvor aufgestellte Zeitplan sieht eigentlich jetzt den Abritt vor), fängt ein jeder seinen Kameraden für die nächsten zehn Stunden ein und bereitet ihn auf dem windgeschützten Sattelplatz (Bild) nach allen Regeln der „Wanderkunst“ vor: da uns heute Sonnenschein erwartet, wir keine flüssigen Elemente in größeren Mengen von oben zu befürchten haben und es für die Pferde noch nicht zu warm ist, können Regenzeug und Antibremsenspray (denn schwitzen sie, setzen sich diese Plagegeister gerne schnell in jede Hautfalte und „saugen unsere Isis leer“) daheim bleiben. Nach knapp einer Stunde ist der Troß fertig und setzt sich von unserer Unterkunft aus in Richtung Nordost bei mittlerweile 15 Grad Celsius in Bewegung. Ein Detail am Rande: außer bei Werner, Martin und mir liegen bei allen die Zügel in „behandschuhten“ Fingern.

Zur linken Hand begrüßen uns fuchsscheckige Kühe mit ihrem blökenden Kalb - ihren Durst stillen sie in einer weiß emaillierten Badewanne, die mit grünem Wasser („Gänsewasser“) gefüllt ist. Unsere Alchemistin Barbara hat heute zur Kräftigung der menschlichen Abwehrkräfte „Running Horse“ in ihrem prall gefüllten „Daybag“ (trägt sie bei allen Gangarten auf ihrem Rücken) - diese flüssige Leckerei aus Früchten des Waldes ist recht süffig und könnte eigentlich jeden Tag gereicht werden; nur leider sind ihre Vorräte begrenzt!

Dem Zügel leicht und willig folgend erreichen wir mit den kleinen, zunächst unscheinbaren Isis nach einer dreiviertel Stunde im gemütlichem Schritt unser erstes Ziel: den 666 Meter über dem Meeresspiegel herausragenden Bilstein, von dem wir einen traumhaft schönen Blick über die gesamte Wetterau haben. Seinen Namen bekam er von dem germanischen Gott „Bil“ – dies steht für „Kraft“. Und wenn in früheren Zeiten die Heiden einen Christen fingen, stürzten sie ihn vom Bilstein herab. Die Breungeshainer Burschen stellen jedes Jahr einen Baumstamm auf ihn (in ein bereits vorhandenes Loch) - die Jungs aus Busenborn (ein 250 Seelenort) ziehen ihn zwecks Demonstration ihrer Kräfte wieder heraus; dann wird der Stamm in der Hexennacht (also vom 30. April auf den 1. Mai) verbrannt. Die vorhandenen Basaltaufschichtungen in Form einer Kuppe zeigen die Entstehung dieses alten Vulkankegels. Die Luft erwärmt sich langsam – aus Jacken & Pullovern werden „Würste“ erst geformt, dann gerollt und so am Hinterzwiesel festgeschnallt.

Weiter geht’s über rosa markierte Steine (eigentlich für Mountainbiker, damit diese nicht stürzen) durch ein dicht bestandenes Tannenwäldchen abwärts in die Ortschaft Breungeshain. Am Ortseingang kommt uns auf dem schmalen Weg eine landwirtschaftliche Maschine (eine Art Traktor) entgegen: mittels eines kurzen Schwenks in die Breungeshainer Heide weichen wir ihm aus und lassen ihn so passieren. Unser bestens informierter Gastgeber weist auf die in diesem Naturschutzgebiet gedeihenden Heidelbeeren hin, die allerdings bei zu reichem Verzehr zur nur schwer zu kurierenden Blauzungenkrankheit führen: auch beste Zahnpasta oder Mundwasser kann nach Aussage zweier Apotheker hier nicht helfen - man ist für Tage gekennzeichnet! Nach einigen hundert Metern begegnen wir zur rechten einem Trampeltier mit Winterfellfetzen (ist das Horst?), einem Lama und einem Esel - Werner: Horst ist größer!

Breungeshain liegt in dem kleinen Tal des Eichelbaches unmittelbar am Fuße des Hoherodskopfes. Seine evangelische Kirche ist mit Schandmasken (zeigen „böse Gesichter“: sollen Geister von dem Inneren der Kirche abhalten) geschmückt und ihr Chor ist zum Hoherodskopf ausgerichtet. Westlich verlassen wir das schmucke Dorf und richten unser Streben zu Horst: es ist eine von Wald und Hecken bestandene Höhenkuppel, die zur Gemarkung Rudingshain gehört, und Reste eines Dornröschenschlosses (Burganlage) aus der Zeit Karl des Großen beherbergt. Die Grundmauern dieser durch dichten Baumbestand versteckten Ruine waren lange verschwunden, bis sie vom Heimatforscher Alfred Deubel in der ersten Hälfte der siebziger Jahren ausgegraben wurden. Die erste bäuerliche Siedlung im fruchtbaren Teil unterhalb der „Horstburg“ diente in erster Linie der Versorgung ihrer Besatzung. Sie kümmerte sich um diese altgermanische Mautstelle: genauso wie heute bei italienschen und französischen Autobahnen mußten hier die sich auf der Handelsstraße von Norden nach Süden unterwegs befindlichen Kaufleute Wegezoll entrichten, um „Horst“ durchqueren zu dürfen.

Später war sie eine von im Abstand von 20 km errichteten Königshöfen, mit denen das Frankenland gegen die Sachsen gesichert wurde; hierzu wurde im 7.//8. Jahrhundert nach Christi in die aus der Zeit um 600 vor Christi stammenden Ringwallanlage ein solcher karolingischer Königshof hineingebaut. Seine Gebäude, teilweise unterkellert, waren mit einem Markverwalter, Kriegern & Rittern (Anzahl je nach Gefahrenlage), Handwerkern und Gesinde besetzt. Ende des 9. Jahrhunderts wurde die Anlage nicht mehr benötigt, daher verlassen; sie zerfiel und geriet in Vergessenheit. Auf seiner „Königshofbesichtigung“ führt uns Werner in die damalige „Küchentechnik“ ein und erklärt, wie die Burg aus Basalt errichtet wurde: diese Steine sind auch noch heute an Ort und Stelle, weil bis heute weder eine Straße noch ein Weg hierher führt, auf der man die Steine abtransportieren könnte. Einige undurchsichtige Sagen sollen von tanzenden Elfen berichten – ob unsere Isis diese wohl wahrnehmen konnten und gespürt haben?

Zunächst „querwaldein“ (Dressurübung: mehrfache Schlangenlinie mit variablen Kurvenradien um abgestorbene, vertikale Tannenstämme) auf weglosen Wegen und dann auf immer breiter werdenden Pfaden treffen wir an einem lehmigen Waldrand auf die Pestwurz (Gattung in der Familie der Korbblütengewächse). „Aus dieser Heilpflanze wird ein homöopathisches Mittel gegen Kopfschmerzen bei Kindern gemacht“, erklärt Werner auf seinem kräftigen Schecken. Damals in der Antike wurde sie auch als teures Schönheitswässerchen für höhergestellte Damen verkauft. Heute ist ihre Wirksamkeit zur Migräneprophylaxe wissenschaftlich belegt.

Um viertel drei (also 45 Minuten vor drei Uhr) erreichen wir mit unseren treuen Gefährten die Charlottenhöhe: sie war früher eine Poststation, an der die Postkutschen ihre Pferde gewechselt haben. In der schattigen Kühle hoher Bäume stellen wir die „Wuschels“ ab: trotz sorgsamen Anbindens können zwei dem an einigen lichten Stellen sprießenden Gras nicht widerstehen, lösen sich geschickt von den Baumstämmen und genießen das saftige Grün. Uns Menschen bringt Sonja mit ihrem VW Transporter (Typ 2) Synchro herrliche Köstlichkeiten, die wir in der alten, aus Blocksteinen errichteten Remise (Schuppen zum Abstellen von Kutschen) auf mit Tischtüchern eingedeckten „Holzstammtischen“ uns schmecken lassen: Käsespätzle, rote Beete und Manchego (spanischer Käse zu 100% aus der Milch von Schafen, die auf der weiten Ebene von La Mancha leben; ihre Milch ist fettreich und schmeckt nach Gräsern und wilden Kräutern, von denen sie sich ausschließlich ernähren). Währenddessen wälzt sich eines unserer Isis - Verena sorgt für Ordnung, räumt auf und bringt auch die „Fremdgeher“ zurück an „ihren Stamm“. Kurz nach drei ist wieder Abritt; zuvor wird freilich die Sattel- und Gurtlage genauestens gemustert. Auch wenn schon etwas steif geworden, schwinge ich mich mit leichter Mühe in die bei den Isireitern um 90 Grad verdrehten Steigbügel (Bild 2) und den von „Rieser“ gefertigten Wandersattel. Da die hier vorbeiführende Bergstraße eine beliebte Töffstrecke ist, düsen stets einige „Boxer“ und „Eintöpfe“ vorbei - diese mag mein Roß gar nicht und wird hiervon wirr; der Straßengraben gibt etwas Deckung und im nächsten, nicht fernen Waldweg beruhigt sich Fuchs Fostri schnell wieder.

Die nächsten Meilen bewegen wir uns mit den geschmeidigen Isis durch das Waldgebiet „Sieben Ahorn“; hier rücken Arbeiter aus der Slowakei Holzstämme mit schwerem Gerät auf unserem Töltweg. Diese Nadelhölzer wurden nicht nur hier sondern auch an unzähligen weiteren Stellen im Vogelsberg von in vergangenen Monaten wütenden Orkanen flachgelegt (Bild 3). So müssen wir den von Werner stets durch „zwei töltende Finger“ angezeigten Tölt (wird wohl in die 10. Auflage der „blauen Bibel“ als offizielles Zeichen zum Antölten aufgenommen) abrupt beenden – Martin erkundet mit seinem unerschrockenen & wieselflinken Rößli das „Schlachtfeld“ und kommt „nach einer Ewigkeit“ (auch wenn es nur zehn Minuten waren) mit einem „versuchen wir es doch“ zurück. Durch dieses Labyrinth quer umher liegender „Mikadostäbchen“ bahnen sich unsere unermüdlichen Freunde fast selbständig den Weg auf eine von Stämmen freie Ackerfläche.

Langsam nähert sich die Gruppe einem Hochmoor, an dessen Rand die Nidda entspringt. Eigentlich wollte sie nach Osten zur Fulda (und weiter zur Weser) fließen - aber die Menschen im Rhein-Main-Gebiet (insbesondere Frankfurt) haben im Vergleich zu den in Osthessen zu wenig Wasser; daher haben sie ihr Bett kurzerhand nach Westen verlegt. Hundert Meter unterhalb der Niddaquelle gibt es eine kleine Furt (Bild 4) - hier werden wir zukünftig unser Springtraining durchführen, um für die DIM 2008 gut vorbereitet zu sein.

Mit schnaubenden Nüstern folgt ein rasanter Galopp auf den 3 km südlich gelegenen Taufstein: er ist mit 773 m der höchste Gipfel im Oberwald des Vogelberggebietes und 6 m höher als der Hoherodskopf (Bild 5). Über den Gipfel des Taufsteins verläuft die Rhein-Weser-Wasserscheide. Auf ihm wurde nach vierjähriger Bauzeit im Juni 1910 der 28 m hohe Bismarckturm (kostenlos zugänglich) als Aussichtsturm aus grauem Hartbasalt fertiggestellt; eine Restaurierung erfolgte 1997 (Bild 6). Er wurde zum Andenken an den Krieg 1870/71 erbaut - bei den Gedenkfeierlichkeiten wurde ganz oben immer ein Feuer angesteckt. Vier Kameraden aus unserer Gruppe können sich vage erinnern, schon einmal hier gewesen zu sein. Nach einhundertundeins Stufen oben angekommen schweift der Blick weit rundum über die in diesem Winter nicht schneebedeckten Tannen - in der Ferne erblicken wir schemenhaft die Skyline von Frankfurt am Main. Etwas entfernt liegt ein kleines Steinbecken: das Taufbecken von Bonifatius („Bonifatiusborn“) ist nach starkem Regen mit Wasser gefüllt; dort soll der Legende nach Bonifatius („Apostel der Deutschen“) getauft haben. Er war Benediktinermönch (also evangelisch) und kam aus England, um die zum Christentum bekehrten Heiden zu taufen. Am 5. Juni 754 wurde er in Friesland (heute zu Holland gehörig) erschlagen: Kopf ab.

Auf dem Rückweg bekomme ich nochmals Respekt vor der Weite des Vogelbergmassives, wo wegen der klaren Luft Entfernungen auf seltsame Weise schrumpfen, vor der Einsamkeit aber auch Faszination dieser gebietsweise noch menschenleeren Landschaft. Unter den Fußtritten meines tapferen und zugleich geschickten Rößleins schwankt der Boden auf und nieder; mit seiner dichten Mähne und gedrungenen Gestalt klettert es gleich einer Gemse an steilen Waldhängen entlang und trägt mich & das Sattelzeug (zusammen neunzig Kilo) ohne zu verweigern oder zu versagen: seine Treue, Klugheit, Zuverlässigkeit und Ausdauer sind einzigartig.

Die letzten Meilen führen uns bei angenehmen 23 Grad Celsius an der Lauterbacher Hütte vorbei - unterhalb der Herchenhainer Höhe sind wir gegen sechs Uhr abends an unserem Ausgangspunkt (Bertl’s Gästehaus) wieder angelangt: der zweite von vier Rundritten ist geschafft. Leider hat Verena Probleme mit ihrem Magen und fährt noch am selben Abend mit Miriam nach Hause (Odenwald). Es folgt wie üblich: Abtrensen, Absatteln, Sattellage säubern, Hufe kontrollieren, nach einiger Zeit Kraftfutter reichen und auf die Weide führen. Nun wird das Lederzeug so gerichtet, daß es auch für morgen wieder in einem Topzustand ist - unsere Wuschels werden es uns danken! Die Sättel können über Nacht in einem Kellerraum, der rücklings zum zentralen Heizkessel liegt, trocknen: so herrscht hier morgens tropisches Klima (verdunsteter Roßschweiß).

Nach zwei Sunden haben wir endlich Zeit und Muße den einsetzenden Sonnenuntergang zu bestaunen - bei einem kühlen Blonden ein Hochgenuß (Bild 7)! Aber es erwartend uns ein noch höherer Hochgenuß: die Küchen- und Kochfertigkeiten von Sonja - heute verwöhnt sie uns mit griechischem Salat, Kopfsalat und Nudelsalat. Jedoch schon lange vor 21.15 Uhr hat auch Werner mit seinem Teil der Abendbrotgestaltung begonnen - was genau, wird nicht verraten: besucht das nette Ambiente selbst und laßt Euch „betüddeln“; so, wohl wie jeder sein Isi betüddelt ...

Noch lange sitzen wir Vogelsbergkundler in gemütlicher Runde im Wintergarten, denken und philosophieren über gestern, heute und morgen, bestaunen die aufgehende Mondsichel (Bild 8: hier über dem „Nieder Mooser Teich“) und schmieden bereits neue, mögliche Tourenpläne für 2008. Erst nach Mitternacht löscht die letzte Nachteule das Licht - dies war ein gelungener Freitag.

Bernd Gerting, Darmstadt, 8. Juli 2007

Samstag 18.05.07 (dritter Tag):

… beginnt, wie soll’s auch anders sein, mit herrlichem Sonnenschein, Frühstück im Überfluss und richtig guter Laune. Pünktlich zum Abritt um 10 Uhr (es war heute 10 nach 11) hat’s etwas angefangen zu Nieseln. Das konnte uns aber die gute Laune nicht verderben.

Heute haben wir 2 Tagesgäste von Bertls dabei: Miriam II. auf dem jungen Schecken und Thorsten auf Stigandi, der seinen „Porsche“ nicht unbedingt unter Kontrolle hatte.

Der heutige Ausritt begann sehr hektisch. Irgendwie waren alle Pferde aufgedreht und wir kamen uns vor als würden wir auf Arabern sitzen. Auf den langen Asphaltwegen war das aufgeregte Trippeln zu hören und unsere Rösser konnten sich gar nicht richtig beruhigen. Auch wir Reitersleut konnten die wunderschöne Landschaft eigentlich erst wieder genießen als es durch’s dichte Unterholz ging und wir auf dem „Grenzgang des Großherzogtums Hessen bei Rhein“ ritten. Hier mussten sich Pferd und Reiter wieder konzentrieren so dass keine Zeit für aufgeregtes Trippeln blieb. Auf einmal stehen wir vor einem riesigen Haufen abgebrochener Bäume, wo’s anscheinend kein Durchkommen gibt. Unser Martin schwärmte aus um geeigneten Weg durch diese Wildnis zu finden - naja, wenn wir nicht so exzellente Reiter gewesen wären …

Werner wusste zu allem viel zu erzählen, hat es aber dennoch immer wieder geschafft uns die langen ebenen Waldwege zu zeigen auf denen endlos getöltet (oder getrabt oder auch ge“schweine-passt“ werden konnte. Der eine oder andere war schon neidisch auf die vielen, langen und ebenen Töltwege und wünschte sich wenigsten einen davon für zuhause.
Auf der letzten Rennstrecke vor dem Mittagessen gaben wir noch mal alles, sogar die beiden Vordereisen von Miriams Pferd haben wir dafür geopfert.

Jetzt kam Hartmut’s große Stunde. Er fand das erste Eisen und konnte Werner genau beschreiben wo das zweite zu finden war. Und so hatte er sich schon mal die erste Belobigung verdient (das sollte aber nicht die letzte für heute sein).
Vorbei am Obermoser See erreichten wir unseren Rastplatz, wunderschön gelegen am Ufer des Niedermoser See’s und gingen in die wohlverdiente Mittagspause. Sonja hatte schon alles hergerichtet. Wir brauchten also nur unsere Pferdi’s im Schatten abzustellen und uns über das leckere Mittagsessen herzumachen.

Werner fuhr währenddessen zurück um das 2.verlorene Eisen zu suchen und fand es auch.
Andri wurde von Werner jetzt wieder fachmännisch Beschlagen, während zuerst Udo dann Hartmut aufhielt (seine 2.Belobigung). Weil sich Uli, ich glaube beim Mittagessen (mit dem Löffel, oder der Gabel oder dem Messer?) am Finger verletzt hatte und Hartmut ihr ein Pflaster spendierte, erhielt er auch noch seine 3.Belobigung.
Nach’ner guten Stunde Erholung ging’s wieder nach Hause, vorbei an der Skisprungschanze auf dem Höllerich, die im Januar 1970 fertig gestellt wurde, heute aber nur noch als Denkmal dient und richtig baufällig in der Gegend steht. Eigentlich is’ses überflüssig zu sagen, dass es Werner wieder verstand, uns die schönsten Wege des Vogelsbergs reiten zu lassen. Ich kann’s aber nicht oft genug wiederholen.

Etwas überrascht waren wir alle, als „Thorsten der Fußballer“ bei der letzten Straßenüberquerung vom Pferd stieg und zum Fußballspielen mit dem Auto davon fuhr. Werner nahm Gandi die letzten Kilometer als Handpferd mit, was eigentlich ganz gut aussah und unproblematisch verlief. Wir kamen alle gesund und munter (bis auf kleinere Schmerzen auf der Rückseite unten) wieder zu Hause an, versorgten die Pferde und brachten sie zurück auf ihre Wiesen-Paddock’s, wo sie sich richtig wohl fühlten.
Am Ende des 3.Tages ham’wer, wie die Tage zuvor, uff de Bank gehockt, Bier gedrunke, den Sonnenuntergang genossen und einstimmig beschlossen, dass es uns eigentlich richtig gut geht.

Kurz vor dem Abendessen wurde Bab’s zur Weinkönigin und Hartmut aufgrund seiner vielen Belobigungen zum „König des Tages“ gekrönt (natürlich nicht ohne Beweisfoto).

Der krönende Abschluss war dann die, von Werner selbst gemachte, riesige Paella, die wir, obwohl alle richtig Hunger hatten, nur zur Hälfte geschafft haben.

Sonntag 20.05.07 (vierter Tag)

Auch an unserem letzten Reittag wurden wir von der Sonne wachgekitzelt. Das gewohnt gute Frühstück wurde heute sogar auf der Terasse serviert. Der Himmel war so klar das wir jetzt endlich auch den versprochenen Weitblick von der Herchenhainer Höhe bis zur Frankfurter Skyline genießen konnten.

Leider verkleinerte sich unsere Reitgruppe wegen familiärer Verpflichtungen. Uli war schon vor dem Frühstück abgereist und dann verabschiedeten sich auch Martin und Barbara.

Hartmut verordnete Hrefna einen Pausentag und sattelte das Leihpferd Andri, ansonsten starteten wir in den mittlerweile gewohnten Pferd/Reiter Kombinationen zum Halbtages-Abschiedsritt.

Werner schlug uns zwei Routen vor und wir bevorzugten mehrheitlich Wald mit langgezogenen Knatterstrecken vor freiem Feld mit Berg und Tal. Also brachen wir auf den Hoherodskopf zu umrunden. Hier gab es nach fünf Jahren ein Wiedersehen mit einigen Plätzen unseres damaligen Hoherodskopfrittes, allerdings bei besserem Wetter. So kamen wir nach flotter erster Knatterrunde bei der bekannten Flößerhütte an und versuchten uns an die dort erworbenen Kenntnisse in Jägermathematik zu erinnern (Was ist noch mal ein ungerader 10 – Ender?).

Nach kurzer Trinkpause für die Pferde und Bachdurchquerung ging es weiter flott voran teils über wunderschöne Wiesenwege. Am Gasthaus Hoherodskopf angekommen, mußten wir feststellen, das wir vor fünf Jahren wohl vergessen hatten unsere Paddocks abzubauen – jedenfalls standen sie immer noch an der gleichen Stelle mit fantastischer Fernsicht.
Die Sommerrodelbahn 100m weiter war diesmal in Betrieb, was die Pferde aber nicht aus der Ruhe bringen konnte - im Gegensatz zu manchen Fahrradfahrern, die bei Bernds Pferd zu gelegtlichen Adrenalinausschüttungen Anlass gaben.
Die Ponies weigerten sich unverständlicherweise die Rodelbahn hinunterzurutschen, also ritten wir weiter um bei unserem nächsten kurzen Halt eine Orchideenwiese zu bewundern, die mit blühendem Knabenkraut regelrecht übersät war. Dann ging es weiter Richtung Herchenhain, aber nicht ohne letzten Einsatz von Werners Handzeichen zum Gallop.
In Herchenhain wurden die Pferde von Hrefna freudig wiehernd begrüßt und unsere mitgebrachten Pferde durften auf den Wiesenpaddocks vor der Heimfahrt nochmal entspannen, während wir auf der Terasse vesperten.
Heimgefahren (ohne Stau) sind wir mit vielen landschaftlichen, geologischen und botanischen Eindrücken vom Vulkangebiet.
(Martina & Hartmut)

Unser persönliches Fazit:
Sicherlich ein (oder das) Highlight unter den Himmelfahrtsritten

  1. Geniales Reitgelände, selbst für uns recht verwöhnte Odenwälder
  2. Gute und souveräne Rittführung
  3. Bestmöglicher Verpflegungsservice

An dieser Stelle nochmal vielen Dank an

  1. Werner für die Rittführung
  2. Sonja für Versorgung, Bewirtung und Ihr ansteckendes Lachen
  3. Eva und Rainer für die Organisation
  4. Petrus für den meterologischen Support
  5. unsere tollen Pferde für alles was sie in diesen vier Tagen geleistet haben

Mitgeritten sind:

  • Werner Bertl mit Andvari
  • Martina Kerstein mit Naggur
  • Hartmut Zeidler mit Hrefna und Andri
  • Uli Peters mit Houkur
  • Martin Cornelius mit Pia
  • Barbara Becker mit Snörp
  • Eva Philipp mit Nördyr
  • Rainer Philipp mit Magnus
  • Verena Röder mit Hjalti
  • Udo Röder mit Primeur und Hjalti
  • Bernd Gerting mit Fostri
  • und am Freitag: Miriam Bönning mit Andri